WO NATUR TEIL DER THERAPIE WIRD
Der Therapiegarten in Bad Zurzach
Ein paar Beeren pflücken, Kräuter schneiden, Samen aussäen oder einige Schritte an der frischen Luft zurücklegen: Was nach alltäglichen Tätigkeiten im Garten klingt, kann in der Rehabilitation gezielt therapeutisch eingesetzt werden.
Ein paar Beeren pflücken, Kräuter schneiden, Samen aussäen oder einige Schritte an der frischen Luft zurücklegen: Was nach alltäglichen Tätigkeiten im Garten klingt, kann in der Rehabilitation gezielt therapeutisch eingesetzt werden. Genau diese Idee steht hinter dem Therapiegarten von ZURZACH Care in Bad Zurzach. Seit 2009 ist er fester Bestandteil des Therapieangebots – und ein Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse, therapeutische Erfahrung und die Unterstützung von Gönnerinnen und Gönnern gemeinsam etwas Nachhaltiges schaffen können.
Von der therapeutischen Arbeit mit Pflanzen zum wissenschaftlich fundierten Konzept
Pflanzen wurden bereits vor der Entstehung des Therapiegartens als therapeutische Medien eingesetzt. Gärtnerische Aktivitäten mit Rehabilitationspatientinnen und -patienten waren aus der Praxis bekannt und beschrieben. Was damals jedoch weitgehend fehlte, waren wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der Gartentherapie bei Menschen nach einem Schlaganfall sowie bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen.
Ebenso bestand noch kein umfassendes, wissenschaftlich fundiertes Konzept dafür, wie Gartentherapie für diese Patientengruppen systematisch in die Rehabilitation integriert werden konnte.
Hier setzte das Projekt «Therapie- und Erlebnisgarten ZURZACH Care, ehemals RehaClinic Zurzach» an. Ziel war es, die Gartentherapie mit wissenschaftlichen Methoden weiterzuentwickeln, in der Rehabilitation zu erproben und zu optimieren. Gleichzeitig sollte das bestehende Therapieangebot erweitert und diversifiziert werden.
Dabei stand die Frage im Zentrum, welchen Beitrag Gartentherapie innerhalb der Physio- und Ergotherapie leisten kann – beispielsweise hinsichtlich Lebensqualität, depressiver Verstimmungen oder des Schmerzmittelgebrauchs bei Menschen mit zentral-neurologischen Erkrankungen und chronischen Schmerzsyndromen.
Ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Fachrichtungen
Für die Entwicklung des Therapiegartens arbeiteten Fachpersonen aus Rehabilitation, Landschaftsarchitektur, Sozialwissenschaften und Gartentherapie eng zusammen.
ZURZACH Care Bad Zurzach, damals RehaClinic Zurzach, verantwortete die baulich-inhaltliche Umsetzung, die Erfolgskontrolle und die Einführung der Gartentherapie in den Klinikalltag. Die Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) brachte ihre landschaftsarchitektonische Expertise in die Planung und bauliche Umsetzung ein.
Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) war mit zwei Fachbereichen beteiligt: Das Departement Soziale Arbeit untersuchte den Ist-Zustand und erhob die Bedürfnisse für die zukünftige Nutzung. Das Departement Life Sciences und Facility Management entwickelte gemeinsam mit den Fachpersonen der Klinik die Gartentherapieprogramme und die Pflanzplanung.
Damit entstand ein Projekt, bei dem nicht zuerst ein Garten gebaut und anschliessend über seine Nutzung nachgedacht wurde. Vielmehr wurden therapeutische Anforderungen, Bedürfnisse der Mitarbeitenden, wissenschaftliche Fragestellungen und landschaftsarchitektonische Überlegungen von Beginn an miteinander verbunden.
Welche Therapien können nach draussen?
Ein wesentliches Projektziel bestand darin, geeignete Aussenräume zu schaffen, damit Therapien, die traditionell innerhalb der Klinik stattfanden, zumindest teilweise ins Freie verlegt werden konnten.
Dafür wurde zunächst eine landschaftsarchitektonische Bestandserhebung mit einer sozialwissenschaftlichen Bedarfserhebung verbunden. Im Mittelpunkt standen vier Fragen: Welche etablierten Therapien fanden bereits draussen statt? Welche bisher ausschliesslich innen durchgeführten Therapieformen könnten unter geeigneten Voraussetzungen nach draussen verlegt werden? Wie standen die Mitarbeitenden dem geplanten Therapiegarten gegenüber? Und welche Erwartungen oder Befürchtungen verbanden sie damit?
In mehreren Gruppengesprächen wurden diese Fragen untersucht. Der bereits vorhandene Gehgarten wurde dabei beispielsweise als wertvolle Unterstützung für Patientinnen und Patienten beurteilt. Auch Physiotherapeutinnen und -therapeuten sowie Verantwortliche des Klinikmanagements standen dem neuen Projekt aufgeschlossen gegenüber.
Damit war eine wichtige Voraussetzung geschaffen: Der Therapiegarten sollte kein isoliertes Zusatzangebot werden, sondern langfristig in den therapeutischen Alltag integriert werden können.
Ein Garten, der sich an der Therapie orientiert
Aus den sozialwissenschaftlich erhobenen Bedürfnissen entstand eine konkrete Anforderungsliste für die Landschaftsarchitektur. Sie umfasste die aus medizinisch-therapeutischer Sicht benötigten Freiraumangebote und Gartenelemente ebenso wie besondere Materialien, Ausstattungen und die notwendige Erreichbarkeit vom Klinikgebäude aus.
Auf dieser Grundlage wurden verschiedene Freiraummodule entwickelt und im Gelände angeordnet. Schritt für Schritt entstand daraus die Planung des Therapiegartens.
2007 begann die bauliche Umsetzung inklusive Gewächshaus – ermöglicht auch dank der finanziellen Unterstützung von Gönnerinnen und Gönnern.
Bei der Gestaltung musste vieles berücksichtigt werden, was in einem gewöhnlichen Garten kaum auffällt: geeignete Sitzgelegenheiten, unterschiedliche Beethöhen, kurze und gut bewältigbare Wege sowie Arbeitsmöglichkeiten für verschiedene Therapieformen. Entscheidend war die Zugänglichkeit. Die Pflanzen und Arbeitsbereiche sollten sowohl zu Fuss als auch mit Krücken oder im Rollstuhl gut erreichbar sein.
Pflanzen werden zum therapeutischen Werkzeug
Im Therapiegarten entscheidet nicht allein die Ästhetik darüber, welche Pflanzen wachsen. Die Bepflanzung erfüllt gezielt therapeutische Funktionen.
Grundsätzlich müssen die Pflanzen zum Standort passen und gestalterische sowie funktionale Anforderungen erfüllen. Gleichzeitig sollen während möglichst vieler Monate im Jahr genügend Pflanzen für die Gartentherapie verfügbar sein. Manche werden für standardisierte Therapieprogramme benötigt, andere ermöglichen eine individuelle Anpassung an die Fähigkeiten und Ziele einzelner Patientinnen und Patienten.
Auch die unterschiedlichen Arbeiten an den Pflanzen spielen eine Rolle. Verschiedene Schnitttechniken – vom Vor- und Nachblüteschnitt über das Ausschneiden und Auskämmen bis zum Vor- und Nachwinterschnitt – ermöglichen unterschiedliche Bewegungsabläufe und therapeutische Aufgaben.
Selbst die Grösse von Samen kann relevant sein. Beim Säen ausgewählter Pflanzen können unterschiedliche feinmotorische Fähigkeiten gezielt angesprochen und trainiert werden.
Sehen, riechen, fühlen – und naschen
Der Therapiegarten soll möglichst viele Sinne ansprechen. Deshalb gehören auch essbare Pflanzen wie Beeren, Früchte und Blüten zum Konzept.
Gerade in Therapieprogrammen für Menschen mit chronischen Schmerzen spielt die bewusste Sinneswahrnehmung eine Rolle. Über die Vegetationsperiode hinweg wurden deshalb Beeren eingeplant, die direkt im Garten gepflückt und gegessen werden können.
Was wie eine Kleinigkeit erscheint, verdeutlicht den Ansatz des Gartens besonders schön: Eine Beere zu entdecken, nach ihr zu greifen, sie zu pflücken und zu probieren verbindet Wahrnehmung, Bewegung und Genuss miteinander. Ist die Pflanze auch mit Krücken oder aus dem Rollstuhl erreichbar, wird aus einem alltäglichen Moment gleichzeitig eine Gelegenheit zur Aktivität und Selbstständigkeit.
Gartentherapie für unterschiedliche Patientinnen und Patienten
Entwickelt wurde das Angebot insbesondere für neurologische Patientinnen und Patienten nach einem erstmaligen Schlaganfall sowie für Menschen mit chronischen Rückenschmerzen, Fibromyalgie oder einem generalisierten Schmerzsyndrom. Darüber hinaus können auch weitere Patientengruppen von therapeutischen Aktivitäten im Garten profitieren.
Für die wissenschaftliche Untersuchung war es wichtig, die Gartentherapie nicht nur praktisch anzuwenden, sondern standardisierte Programme zu entwickeln. Diese Standardisierung ermöglichte es, die Therapie systematisch zu untersuchen und ihre Wirkungen mit qualitativen und quantitativen Methoden zu analysieren.
Gleichzeitig blieb Raum für das, was Rehabilitation immer auch verlangt: die Anpassung an den einzelnen Menschen, seine Fähigkeiten und seine individuellen Therapieziele.
Seit 2009 ein Teil der Rehabilitation in Bad Zurzach
Seit September 2009 ist der Therapiegarten ein integraler Bestandteil der Rehabilitation bei ZURZACH Care in Bad Zurzach.
Hier können Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren Therapeutinnen und Therapeuten Fähigkeiten trainieren, die sie für ihren Alltag benötigen. Bewegungen werden nicht abstrakt ausgeführt, sondern erhalten durch das Säen, Pflegen, Schneiden, Ernten oder Gehen im Garten einen konkreten Bezug. Gleichzeitig erleben die Patientinnen und Patienten Natur, Pflanzen, Jahreszeiten und frische Luft.
Doch der Therapiegarten ist mehr als ein Behandlungsraum unter freiem Himmel. Er ist auch Begegnungs- und Aufenthaltsort. Hier entstehen Gespräche, finden unterschiedliche Therapieformen und Freizeitaktivitäten ihren Platz und können Patientinnen und Patienten Momente ausserhalb des klassischen Kliniksettings erleben.
Gönnerbeiträge schaffen Räume, die bleiben
Dass aus einer wissenschaftlich und therapeutisch fundierten Idee ein realer Garten werden konnte, war auch der finanziellen Unterstützung durch Gönnerinnen und Gönner zu verdanken.
Der Therapiegarten zeigt damit beispielhaft, was solche Beiträge bewirken können: Sie ermöglichen Angebote, die über eine einzelne Anschaffung oder einen einzelnen Behandlungsmoment hinausreichen. Aus der damaligen Unterstützung entstand ein Ort, der seit vielen Jahren Teil des Klinikalltags ist und immer wieder neuen Patientinnen und Patienten zugutekommt.
Wer die Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden unterstützt, trägt dazu bei, besondere Projekte und Angebote für Patientinnen und Patienten zu ermöglichen und weiterzuentwickeln – dort, wo zusätzliche Mittel einen nachhaltigen Unterschied machen können.